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Das Wichtigste ist die Freiwilligkeit

Was 1983 mit einem ausrangierten VW-Bus aus Armeebeständen begann, entwickelte sich zu dem TIXI Zürich, das wir heute kennen. Es vergeht kein Tag, an dem einem nicht eines der 30 Fahrzeuge auf Zürichs Strassen entgegenkommt. Was sich in den 37 Jahren nicht geändert hat, ist der Auftrag von TIXI Zürich: mobilitätsbehinderte Menschen zum Tarif der öffentlichen Verkehrsmittel zu befördern.

TIXI hat eine abenteuerliche und manchmal sehr kurvige Fahrt hinter sich. In einer mehrteiligen Serie werfen wir einen Blick auf die Gründung von TIXI, die Entwicklung des Vereins - welche Hürden und Hindernisse im Weg standen und wo TIXI Zürich heute steht. Wir beginnen mit einem Interview mit dem Gründer von TIXI Zürich, Christian Remund, das anlässlich des 30-Jahr-Jubiläums des Vereins geführt wurde.

 

TIXI Gründer Christian Remund

Wie muss man sich eine Fahrt im Rollstuhl mit dem öffentlichen Verkehr in Zürich um 1980 vorstellen?

Eine Zugfahrt im Rollstuhl musste vorab organisiert werden. Die SBB stellten dann am Einsteige- und Aussteigeort jeweils eine Hebebühne und Personal zur Verfügung, die den Rollstuhl in den Postwagen hinauf respektive vom Wagen auf das Perron hinunter hievten. Es war sehr kompliziert. In der Stadt war die Fahrt mit Bus und Tram fast unmöglich. Niederflurbusse gab es noch nicht und drei Treppenabsätze stellten ein unüberwindbares Hindernis dar. Behinderte Menschen waren beim Einsteigen auf fremde Hilfe angewiesen, die nicht immer geboten wurde.

 

Wie kam die Idee des TIXI Zürich Fahrdienstes zustande?

Andi Schwegler, Claudia Kunz und ich, wir arbeiteten anfangs der 80er Jahre mit schwerstbehinderten Menschen im Mathilde Escher Heim (MEH) beim Balgrist. Das Heim besaß lediglich einen kleinen VW-Bus, der nicht genügend Platz bot. Daneben existierte nur ein Rollstuhltaxi, dessen Tarife entsprechend teuer waren. Durch unsere Tätigkeit kannten wir das Bedürfnis nach Mobilität zu günstigeren Preisen. Wir wollten behinderten Menschen Fahrten zu Tarifen des öffentlichen Verkehrs anbieten. Deshalb kamen wir auf die Idee, einen Fahrdienst zu organisieren.

Eine Freundin aus Bern erzählte uns von TIXI, das es damals in der Hauptstadt bereits gab. Wir übernahmen deren Struktur und die Organisation mit einer Zentrale und ehrenamtlichen Fahrern. Damit die Fahrer keine Taxiprüfung absolvieren mussten, gründeten wir einen Verein: Vereinsmitglieder – die Fahrgäste – dürfen von Vereinsmitgliedern – den Fahrerinnen und Fahrern – gefahren werden.

 

War das Konzept dasselbe wie heute?

Ja, bis auf den Unterschied, dass heute sehr viele ältere Personen den Fahrdienst in Anspruch nehmen, während dies zu unserer Zeit meist von Geburt an behinderten Menschen – hauptsächlich im Rollstuhl oder gehbehindert – vorbehalten war.

 

Wie seid ihr beim Aufbau des TIXI Fahrdienstes vorgegangen?

Zuerst ging es darum, freiwillige Fahrer zu finden. Wir starteten einen Aufruf im Radio DRS. Dies führte dazu, dass ich bei meiner Arbeit laufend von Telefonanrufen gestört wurde und wir die ersten 10 bis 12 Fahrer und Fahrerinnen fanden. So konnten wir starten.

Wir gründeten den Verein, erstellten die Statuten. Das nötige Geld suchten wir, indem wir am Paradeplatz Flugblätter verteilten. Radio 24 war, als relativ junges Unternehmen, bereit, ein Interview zu senden. Die Schweizer Illustrierte schrieb einen Bericht und so wurden wir langsam bekannt. Als wir dann ein wenig Geld und einige Fahrer zusammen hatten, wollten wir endlich mit den Fahrten starten. Was jetzt noch fehlte war ein Bus und ein Ort für die Zentrale.

Von meiner Mutter erhielt ich 2‘000 Franken. So konnte ich einen alten Militärbus erwerben. Diesen schliffen wir ab, spritzten ihn weiss und beschrifteten ihn mit TIXI. Um die Rollstühle in den Bus stossen zu können, fertigten wir eine primitive Rampe an. Bei den VBZ (Verkehrsbetriebe der Stadt Zürich) mieteten wir Tiefgaragen-Plätze. Sie übernahmen auch den Service des Busses.

Unsere Zentrale durften wir im Bürozentrum Wiedikon einrichten. Dort stand uns Eva Schulthess als Disponentin zur Verfügung. Abends konnten wir die Taxizentrale an der Gasometerstrasse mitbenutzen. Das funktionierte ganz gut.

 

Wie gestaltete sich die Arbeit für TIXI Zürich? Bist du als Präsident auch gefahren?

Wir waren alles freiwillige Fahrer, die tagsüber ihrem Beruf nachgingen und abends für TIXI fuhren. Unsere Fahrten fanden innerhalb der Stadt Zürich und zu einzelnen Heimen in der Region statt. Es war aufreibend. Manchmal war der Bus nicht da, wenn einer der Fahrer abends statt in die Garage nach Hause fuhr. Einmal ereignete sich ein Unfall, dann hatten wir gar keinen Bus mehr. Zum Glück schenkte uns die AMAG Schinznach einen neuen.

 

War die Unterstützung und das Wohlwollen eurem Projekt gegenüber auch von anderen Seiten spürbar?

Ja, aber trotzdem hatten wir immer zu wenig Geld. Dann sassen wir wieder zusammen, um zu beraten, ob wir nun weitermachen oder aufgeben sollen. Es lief sehr oft alles am Limit. Es war so schlimm, dass die Freiwilligen manchmal sogar das Benzin selbst bezahlen mussten.

 

Was waren – abgesehen von den Geldsorgen – die grössten Widerstände bei der Umsetzung eurer Idee?

Das Rollstuhltaxi betrachtete uns anfangs als Konkurrenz, was natürlich nicht der Fall war. Da formierte sich etwas Widerstand, der zu vielen Diskussionen führte. Bei den Spendengeldern dachten einige, wir nehmen ihnen diese weg. Ansonsten erlebten wir wenig Widerstand. Das Geld war unser grösstes Problem.

 

Wie lange dauerte diese schwierige Anfangsphase? Gab es einen Zeitpunkt, an dem das Projekt Flügel bekam?

Ja, als eine neue Generation im Vorstand das Management professioneller anging, die Spender koordiniert anschrieb, Statistiken führte und so kontrollierte, was rentierte und was nicht. Nach ca. zwei Jahren fing es richtig an zu laufen. Nach wie vor mit Freiwilligen.

 

Gibt es Erlebnisse, die dich in der TIXI-Anfangszeit speziell bewegten oder dich stark prägten?

Für mich war das Schönste, mit den Fahrgästen unterwegs zu sein. Ich fahre sehr gerne Auto und lernte dabei die Stadt gut kennen. Ich genoss es, wenn ich jeweils von den Fahrgästen erwartet wurde und wir während der Fahrt miteinander ins Gespräch kamen. Man lernte sich kennen. Auch die Arbeit zusammen mit der Disponentin, Eva Schulthess, schätzte ich sehr.

Ich erlebte aber auch viele tragische Schicksale. Wenn man beispielsweise jemanden die Treppe hochtragen musste, dann realisierte man, wie abhängig dieser Mensch von seiner Umwelt ist.

 

Wie denkst du über die heutige Organisation und Arbeit von TIXI Zürich, nachdem du einiges darüber erfahren hast?

Ich finde es sehr schön, dass die Fahrer auch heute noch das Bedürfnis haben, etwas Gutes zu tun, und so den Kontakt zu solchen Menschen pflegen, die auf die Fahrdienste angewiesen sind. Das ist das Wichtigste am TIXI. Wie das schliesslich organisiert wird, spielt eigentlich keine Rolle. Je mehr Menschen Zugang zu diesen Fahrten haben, desto besser. Wenn das Fahrtennetz über die ganze Schweiz ausgebreitet wäre, fände ich das noch besser. Als wir starteten existierte erst TIXI Bern. Nach TIXI Zürich kamen in anderen Gegenden wie Luzern, St. Gallen oder Aargau weitere TIXI hinzu.

 

Hast du einen Tipp, wie sich TIXI auch nach 30 Jahren noch weiterentwickeln kann und soll?

Mir scheint das Wichtigste der Gedanke der Freiwilligkeit. Wenn die Fahrer ihre Arbeit berufsmässig verrichten, dann stimmt die Idee von TIXI nicht mehr. Man sollte auch Spass am Fahren haben und die Nachfrage nach solchen Fahrten möglichst abdecken können. Ich freue mich sehr, dass sich das TIXI Zürich Einzugsgebiet so vergrössert hat und die Fahrten stark zunahmen.

 

Möchtest du noch ein Schlusswort anfügen?

Ich bin erstaunt, wie riesig TIXI geworden ist, das finde ich super. Was mir noch wichtig erscheint ist die Idee, dass auch Behinderte in den Arbeitsprozess integriert werden, also beispielsweise in der Zentrale eine Aufgabe wahrnehmen.

Von Simone Okoye

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