Christian, wie stellst du sicher, dass deinem Laufpartner beim Training nichts passiert?
Vor allem in der Stadt sind die Strassen voller Gefahren. Am wichtigsten ist, dass er in nichts hineinläuft, nicht über Stufen oder Unebenheiten stolpert und nicht an Kanten umknickt. Diese signalisiere ich ihm rechtzeitig – entweder über ein Band, das wir beim Laufen festhalten, verbal durch kurze Ansagen oder indem ich meine Hand auf seine lege. Bei Letzterem weiss er, dass etwas Ungewöhnliches wie zum Beispiel eine Schwelle auf uns zukommt. So ersetze ich seinen Sehsinn. Und natürlich geht nichts ohne Vertrauen.
Wie habt ihr dieses Vertrauen aufgebaut?
Durch über 3000 gemeinsame Laufkilometer. Wir haben schnell gemerkt, dass die Chemie zwischen uns stimmt, beim Joggen und zwischenmenschlich. Er schätzt kurze, knappe Kommunikation. Zu viele Ansagen würden ihn irritieren. Inzwischen haben wir sogar Kurzbegriffe für bestimmte Situationen entwickelt, die nur wir verstehen. Uns verbindet zudem unser Sinn für Humor. So wächst mit jedem unfallfreien Kilometer mehr Vertrauen.
Was denkst du: Kann jeder Hobbyläufer Guide werden?
Das Wichtigste ist, Interesse an anderen Menschen und Empathie zu haben. Ein Guide erfüllt für Sehbehinderte eine unersetzliche Aufgabe. Mit Stock und Assistenzhund können sie zwar gehen, aber nicht joggen. Und natürlich ist ein gewisses Fitnesslevel wichtig. Man muss das eigene Lauftempo problemlos an das des Laufpartners anpassen können.
Wie reagieren andere, wenn sie euch beim Training begegnen?
Dank unserer orangen Leuchtwesten sind wir schon von Weitem zu erkennen. Sie zeigen an, wer der Guide ist und wer die sehbehinderte Person. Das ist wichtig, damit andere sich richtig verhalten können, zum Beispiel an Engstellen. Die meisten Menschen sind sehr rücksichtsvoll. Wenn nicht, dann geschieht das meist aus Unwissen, nicht böswillig.
Warum bist du gerne Guide?
Es ist eine wahnsinnig spannende und anspruchsvolle Tätigkeit. Ich tue jemandem, der auf Hilfe angewiesen ist, etwas Gutes. Gleichzeitig habe ich selbst etwas davon: Ich muss nicht alleine laufen, sondern bin in bester Gesellschaft und führe oft spannende Gespräche. Das finde ich einfach toll.
Mehr Informationen: www.blind-jogging.ch


